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Es ist immer sehr interessant, welche Tugenden in einer Zeit gelten. Aber noch interessanter sind natürlich die Sünden. Auf mittelalterlichen Bildern ist die Hölle immer faszinierender als das Paradies. Zumindest die Frauen sind reizvoller gemalt. Irgendwie sündiger. Es ist ja interessant, welche der Sünden wir im Laufe der Zeit vergessen haben. Einige von Ihnen kennen vielleicht noch aus dem Beichtunterricht die sieben Sünden, darunter die Superbia, die Avaritia, die Voluptas - alle ganz schändlich! Neben den sieben gab es aber noch eine weitere, und die ist völlig vergessen. Von dieser achten Hauptsünde schreibt schon Origines. Augustinus hat es aufgegriffen, und der heilige Thomas von Aquin sagt: "Wer dieser Sünde verfällt, der ist verloren in seiner Seele, selbst wenn er in allen anderen Tugenden vollkommen sei." Das ist die Acedia, die schwarze Schwermut, das Nicht-mehr-Glauben an die Güte Gottes, der Vertrauensverlust: Wenn ich alles getan habe und mehr nicht tun kann und nicht weiß, was herauskommt, dann bin ich am Schluß doch in Gottes Hand, und der wird es richten. Und diese begründete Zuversicht, in die Zukunft zu schreiten mit dem, was man kann, und darauf vertrauen, daß es gelingt - das ist etwas, was mir in dieser Zeit für unser reiches und lebendiges Land die knappste Ressource zu sein scheint.
Heinz Riesenhuber (*1935), dt. Politiker (CDU), 1982-93 Bundesmin. f. Forschung u. Technologie, s. 1993 stellv. Vors. Dt.-Amerik. Akadem. Konzil
Zu den erfolgreichsten Büchern von Ludwig Thoma gehört "Josef Filsers Briefwexel": Wie ihm der Schnabel gewachsen ist, berichtet darin ein fiktiver bayerischer Landtagsabgeordneter (Filser) über Klüngel, Duckmäusertum und aufgeblähte Staatsapparate - Themen, die so aktuell sind wie seine erste Parlamentserfahrung. An seine "Frau Mari, kenigliche Abgeordnetengathin", schreibt der frischgebackene Landtagsabgeordnete am Tag der Premiere: "Liebe Mari, ich bin froh', daß ich keine Rede nicht halten brauch', sondern das Maul."
unbekannt
Wir werden wieder lernen müssen, daß, wer ernten will, auch säen muß. Statt dessen neigen wir dazu, das Saatgut zu verbrauchen.
Manfred Rommel (*1928), dt. Politiker (CDU), 1974-96 Oberbürgermeister Stuttgart, 1995-99 Koordinator f.d. dt.-frz. Zusammenarbeit
Wir müssen nicht hinten beginnen bei den Regierungsformen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen.
Hermann Hesse (1877-1962), dt. Dichter, 1946 Nobelpr. f. Lit.
Wir müssen einen kühlen Kopf und ein heißes Herz haben.
Konrad Adenauer (1876-1967), dt. Politiker, 1949- 63 erster dt. Bundeskanzler
Wir leben in einem Jahrhundert, wo die Spaßmacher sich wie Leichenträger benehmen und sich Politiker nennen.
Guy de Maupassant (1850-93), frz. Schriftsteller
Wie manche Pfarrer die Kirche leer predigen, reden auch manche Politiker den Saal leer.
Franz Josef Strauß (1915-88), dt. Politiker (CSU), 1978-88 Min.-Präs. Bayern
Wessen Beruf ist wohl der älteste? Der Chirurg sagt, seiner, weil Eva bekanntlich aus einer Rippe geschaffen wurde. Der Ingenieur sagt, seiner, denn die Erde sei aus dem Chaos entstanden, und Ordnung ins Chaos brächten die Ingenieure. "Alles richtig", sagt der Politiker, "aber wer schuf das Chaos?"
unbekannt
Wer beim Reden wenig Anlaß zum Tadel gibt und im Handeln wenig Anlaß zur Reue hat, der kann bestimmt ein öffentliches Amt erhalten.
Konfuzius (551-479 v.Chr.), chin. Philosoph, bestimmend für die Gesellschafts- u. Sozialordnung Chinas
Wenn es Politikern die Sprache verschlägt, halten sie eine Rede.
Friedrich Nowottny (*1929), dt. Journalist, 1985-95 Intendant Westdeutscher Rundfunk (WDR)